«Dass es Widerstand gibt, macht mir Hoffnung»
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4. März – Die alte Weltordnung landet gerade auf dem Müllhaufen der Geschichte. Krieg in der Ukraine, Flächenbrand im Nahen Osten, tiefes Zerwürfnis zwischen den USA und Europa. Was macht den Menschen in Zollikon Angst, welche Hoffnungen haben sie trotz allem? Heute: Olena Tutova, Dennis Bühler, Simon Gebs und Christina Caprez.

Olena Tutova (37)
Flüchtling aus der Ukraine, seit 2022 mit ihren kleinen Töchtern und ihrer Mutter in Zollikon:

«Die aktuelle Situation empfinde ich als aussichtsloser als jene im Jahr 2022, als der Krieg begann. Damals war ich überzeugt, dass wir bald in unsere Heimat in Saporischschja zurückkehren könnten. Heute habe ich diese Hoffnung begraben. Ich lebe in permanenter Ungewissheit, wache auf und schlafe ein mit Gedanken an unsere Angehörigen in der Ukraine und unsere Zukunft. Das Telefon ist mein ständiger Begleiter, auf dem ich non-stop die Nachrichten und immer neue Hiobsbotschaften verfolge. Krieg ist das Schlimmste, was es gibt, vor allem, wenn man für die Sicherheit seiner Kinder verantwortlich ist. Trumps aktuelle Äusserungen zur Ukraine und Präsident Selenskyj fühlen sich an wie ein Stich in mein Herz. Wie will er Verhandlungen mit Russland führen, einem Land, das sich wie ein Terrorstaat verhält? Wir sind erschöpft, versuchen aber durchzuhalten. Die Gefahr weiterer russischer Angriffe ist allgegenwärtig. Jeder Tag ist überschattet von Blutvergiessen und Tod. Andere Länder erleben den Krieg als Medienspektakel, das man ausschalten kann, sobald es langweilig wird. Wir sind erfüllt von unendlicher Trauer und Schmerz. All dessen ungeachtet werde ich weiterhin optimistisch – und aktiv bleiben. Ich werde alles tun, um meine Familie hier in Zollikon auch in Zukunft ohne staatliche Hilfe durchzubringen. Dank meiner guten Ausbildung habe ich schnell eine Stelle als Forscherin an der ETH gefunden. Auch mein Mann, der inzwischen zu uns gestossen ist, arbeitet Teilzeit als Landwirt, das ist sein angestammter Beruf, und trägt seinen Teil zur Finanzierung bei. Darüber hinaus werde ich mich weiterhin intensiv in verschiedenen humanitären Projekten zugunsten der Menschen in der Ukraine engagieren. Nichts Schlimmeres als nur zuhause zu sitzen und zu warten; ich muss etwas tun. Was mir in dieser schwierigen Situation die grösste Kraft gibt, ist die Tatsache, dass meine Familie bei mir ist und meine Töchter eine Kindheit ohne Luftalarme und Raketen erleben können.»
Dennis Bühler (38)
Redaktor «Republik»

«Am meisten Sorgen bereitet mir, dass man sich heute kaum mehr auf Fakten einigen kann. Putin, Trump und die AfD haben die Lüge salonfähig gemacht. Doch wenn alles wahr oder auch falsch sein kann – je nach politischer Überzeugung oder Weltanschauung –, verliert eine Gesellschaft die Fähigkeit, sich auf gemeinsame Werte zu verständigen. Dann zerfleddert sie. Hoffnung bereitet mir, dass erfreulich viele Menschen Widerstand leisten, im Kleinen wie im Grossen. Zum Beispiel an der Urne, wo 80 Prozent der Deutschen, die sich an der Wahl beteiligt haben, ihre Stimme nicht der AfD gegeben haben! Und wo Donald Trump zwar mehr Zuspruch als Kamala Harris erhalten hat, aber dennoch bloss 49,7 Prozent und damit weniger als die Hälfte aller Stimmen! Oder in Form ehrenamtlichen Engagements, wodurch sich die Welt vor der eigenen Haustür ein klein wenig besser machen lässt (empfehlenswert: engagier-dich.ch/).»
Simon Gebs (60)
Reformierter Pfarrer

«Vieles in diesen Tagen macht mich sprachlos. Das Treffen zwischen Selenskyj und Trump im Oval Office, das völlig aus dem Ruder gelaufen ist, drängt sich dabei als überdeutliches Symptom auf. Aber auch die Perspektivlosigkeit im Nahen Osten wie auch das vielerorts grassierende Demontieren demokratischer Errungenschaften. Wenn ich mit meinen palästinensischen Freunden telefoniere und mitbekomme, wie sehr ihr Alltag erschwert ist, und wenn ich einen Tag später mit den Ängsten und der Wut israelischer Freunde konfrontiert bin, löst das etwas bei mir aus. Ich habe den Eindruck, diese win-lose Mentalität hat völlig überhandgenommen: «Entweder ihr oder wir», Siegen auf Kosten der andern steht hoch im Kurs ebenso wie die Lust Recht zu haben, die ständig den andern frei von allen Zweifeln als Wurzel allen Übels identifiziert, aber keine guten Lösungen aufzeigen kann. Tragischerweise leben wir – so mein Eindruck – auch in einer Phase, in der besonnenere, an win-win Lösungen interessierte Persönlichkeiten weitgehend fehlen. Welche Hoffnung bleibt uns? Diese Frage beschäftigt mich als Privatperson und als Pfarrer sehr. Die grossen Erzählungen des «es kommt gut» sind ja den apokalyptischen Narrativen gewichen. Ein Megatrend, dem zur Zeit scheinbar kaum etwas entgegenzusetzen ist. Ich persönlich habe daher meinen Social Media-Konsum wie auch die Lektüre von Online-News drastisch eingeschränkt und bewusst wieder mehr Spiritualität in meinen Alltag eingebaut. Ich möchte mein Hirn mit dem beschäftigen, was mich trägt und nährt. Das biblische Versprechen des Vorranges der Möglichkeit vor der Wirklichkeit soll in mir mehr Raum einnehmen. Aus dieser inneren Haltung und Hoffnung heraus, will ich zu denen gehören, die sich für mehr Zuhören, Dialog und Miteinander einsetzen. Den Traum, dass es möglich ist, dass wir wie Brüder und Schwestern zusammenleben können, gebe ich so entgegen aller Erfahrungen quasi in einer trotzigen Hoffnung nicht auf.»
Christina Caprez (48)
Soziologin und Buchautorin («Queer Kids» u.a.)

«Mir macht Sorgen, wie rasant jüngste gesellschaftspolitische Fortschritte, aber auch langjährige vermeintliche Gewissheiten in Bezug auf die Stabilität unserer Demokratien weggewischt werden. Fortschritte etwa für Migrant*innen, trans Kinder oder Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch brauchen. Hoffnung hingegen macht mir, dass ich in meinem Umfeld viele Menschen habe, die sich gegen diese Entwicklungen wehren. Ehrlich gesagt überwiegt momentan allerdings die Sorge.»