Adrian Michael trifft Shannon Glaser

0 KOMMENTARE

2. April 2025 – Shannon war ein Wildfang, sportlich, musikalisch und selbstbewusst. Ihr beruflicher Weg ist mehr als ungewöhnlich, landete sie doch nach zahlreichen Umwegen bei einer der grössten Menschenrechts-Organisationen.

Shannon in der 4. Klasse bei einem Riechtest (Fotos: Adrian Michael / zVg)
Shannon in der 4. Klasse bei einem Riechtest (Fotos: Adrian Michael / zVg)

Shannon war von der 4. bis zur 6. Klasse meine Schülerin, 2005 bis 2008. Ich habe sie als Wildfang in Erinnerung, aufgeweckt, neugierig und lebhaft. Schon als Kind wusste sie, was sie wollte und konnte dies auch kundtun. Unter den Mädchen war sie aus meiner Sicht die Leaderin, aber ohne unangenehm zu dominieren. Auch die Buben respektierten sie, hielt sie doch auch in ruppigen Fussballspielen problemlos mit.

Ein- oder zweimal begleitete sie die Klasse bei unserem traditionellen Singen am Weihnachts-Gottesdienst mit dem Saxophon. Plötzlich hatte ich den Eindruck, dass der Notenständer nicht ideal vor ihr stand. Mitten in einem Lied rückte ich ihn dorthin, wo ich fand, er stünde besser für sie. Innert kürzester Zeit stellte sie ihn zurück, ohne das Spiel merklich zu unterbrechen – sehr selbstbewusst, sehr eigenwillig.

Kletternder Wildfang, Begleiterin mit dem Saxophon
Kletternder Wildfang, Begleiterin mit dem Saxophon

Wenn mich zu jener Zeit jemand gefragt hätte, welchen Beruf sie wohl wählen würde, hätte ich sicher gesagt, sie müsste etwas mit Menschen zu tun haben. Als Sekundarlehrerin zum Beispiel hätte ich sie mir gut vorstellen können. Dass sie dann einen richtig unkonventionellen Weg einschlug, überraschte mich aber nicht. Nach der Matura an der Kantonsschule Stadelhofen reiste sie nach Kanada, machte dann ihre erste von vielen Saisons als Snowboardlehrerin und Barista in Flims/Laax. In Zollikon engagierte sie sich viele Jahre in der Pfadi, wo sie vom «Bienli» bis zur Abteilungsleiterin aktiv war.

Neugierig und konzentriert: Shannon (Mitte) an der Einweihung der Chluppi 2004.
Neugierig und konzentriert: Shannon (Mitte) an der Einweihung der Chluppi 2004.

Studium und erste humanitäre Einsätze

Als ich sie anfragte, ob sie sich für meine Ehemaligen-Serie porträtieren lassen würde, sagte sie sofort zu. Wir treffen uns anfangs Februar 2025 im Hausamman am Dorfplatz. Die mittlerweile bald Dreissigjährige – wie so oft schwarz gekleidet – beginnt gleich zu erzählen.

Shannon bei unserem Treffen am Dorfplatz
Shannon bei unserem Treffen am Dorfplatz

2015 begann sie an der Uni Zürich ein Studium der Psychologie und Politikwissenschaft, schon damals interessierte sie, was ausserhalb der Schweiz geschah. Durch Medienberichte wurde sie auf die prekären Bedingungen in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln aufmerksam. Kurzerhand entschloss sie sich, sich auf der Insel Chios selber ein Bild der Lage zu verschaffen.

Ihren Aufenthalt in Griechenland bezeichnet sie als «Gamechanger» für ihr weiteres Leben. «Dass Menschen an unseren Aussengrenzen in solch desaströsen Umständen leben müssen, obwohl sie auf der Suche nach Schutz sind, war für mich fast unvorstellbar. In unserem Wohlstand lebend sind wir uns hier solche Zustände einfach nicht gewohnt.»

Mit Unterbrüchen leistete sie dort zwei Jahre lang zusammen mit lokalen NGOs humanitäre Einsätze. Zu ihren Tätigkeiten gehörten unter anderem Patrouillenfahrten entlang der Küste, die Betreuung der ankommenden Geflüchteten und die Bereitstellung von Nahrungsmitteln und Hilfsgütern in den Camps. Durch Aktivitäten wie Englischunterricht und Sport wurde versucht, den Gestrandeten den Alltag ein bisschen erträglicher zu machen.

Durch ihre Arbeit mit Menschen aus Syrien, Palästina, dem Irak und anderen Ländern wurde auch das Interesse an der arabischen Sprache und Kultur geweckt. Sie brach das Psychologiestudium ab und studierte fortan Politikwissenschaft im Haupt- und Arabisch im Nebenfach. In den darauffolgenden Jahren bereiste sie Jordanien, Nordafrika, Palästina und Israel.

Nach dem Bachelorstudiums an der Universität Zürich im Herbst 2019 arbeitete Shannon vorübergehend als Betriebsassistentin in Bindellas Santa Lucia-Lieferservice. Dort befasste sie sich mit Finanz- und Personalplanung und der Koordination zwischen Restaurants, dem Lieferservice sowie den Kunden und Kundinnen. Obwohl sie die Arbeit dort als interessant und lehrreich bezeichnet, wusste sie, dass das langfristig nicht der richtige Weg für sie war. So bewarb sie sich an der University of Exeter in England für ein Masterstudium am Institute of Arab and Islamic Studies.

Praxis in Palästina, Theorie in Exeter

2021 – noch vor Studienbeginn – erhielt sie einen befristeten Arbeitsvertrag als Diplomatische Attachée des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten EDA in Ramallah, das die Interessen der Schweiz im besetzten palästinensischen Gebiet vertritt. Zu ihren Aufgaben gehörte unter anderem die Koordinierung diplomatischer Treffen, an denen sie oft auch teilnehmen konnte. Sie erstellte Berichte zu Menschenrechtsfragen, Politik und Wirtschaft und verfolgte Gerichtsverfahren an israelischen Militärgerichten und dem israelischen Bundesgericht.

Auf Arbeitseinsätzen im Westjordanland und dem Gazastreifen beobachtete sie die Menschenrechtslage in den besetzten palästinensischen Gebieten, wobei sie im Rahmen der israelischen Militärbesatzung Zeugin von zahlreichen Menschenrechtsverletzungen, Verletzungen des internationalen Rechts und willkürlichen Verhaftungen wurde. Nachdem ihr Vertrag auf ein Jahr verlängert worden war, half sie, den offiziellen Staatsbesuch der Schweizer Delegation mit Bundesrat Guy Parmelin im besetzten palästinensischen Gebiet zu organisieren.

Bundesrat Parmelin in Palästina, Shannon vorne in der Mitte
Bundesrat Parmelin in Palästina, Shannon vorne in der Mitte

Im Herbst 2022, nachdem sie den Beginn des Studiums um zwei Jahre verschoben hatte, ging Shannon für den Master an das European Centre for Palestine Studies der Universität Exeter. Dort durfte sie mit dessen Gründer zusammenarbeiten, dem israelischen Historiker Ilan Pappé. Im Sommer 2023 erlangte sie einen Master of Arts in «Middle East and Palestine Studies». Als sie nach Palästina zurückkehrte, zog sie zusammen mit ihrer Katze Simsim in ein altes palästinensisches Häuschen mit einem Garten voller Orangen- und Feigenbäumen.

Das alte palästinensische Häuschen mit dem Obstgarten
Das alte palästinensische Häuschen mit dem Obstgarten

Shannon bildete sich ständig weiter, so zum Beispiel 2022 am Diakonia International Humanitarian Law Centre Jerusalem zum Thema «Internationales Recht im besetzten palästinensischen Gebiet» oder in Bern am IKRK-Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer zum Thema «Traumareaktion für Flüchtlinge und Asylsuchende». Gleichzeitig lernte sie Arabisch. Heute spricht sie neben Deutsch und Arabisch auch Englisch, Französisch, Italienisch und etwas Spanisch.

Ein fester Job bei Human Rights Watch

Seit Ende Oktober 2023 ist Shannon zurück in der Schweiz. Sie begann bei der international tätigen Menschenrechts-Organisation Human Rights Watch im Development & Outreach Department zu arbeiten. Nebst zahlreichen administrativen Aufgaben im Fundraising-Bereich für die Büros in Zürich, Berlin und Amsterdam organisierte sie verschiedene Veranstaltungen. Ende Februar dieses Jahres wurde sie im Prospect Research & Vetting Team fest angestellt.

Heute wohnt Shannon im Zürcher Kreis 3. Ihre zahlreichen Kontakte mit Menschen in Palästina und ihr Leben in Ramallah führten zu einer tiefen Verbundenheit mit dem Land und den BewohnerInnen, die Gerechtigkeit erfahren möchten. Sie hofft, dass der Tag kommen wird, an dem alle Menschen in diesem Gebiet in einem Land gleichberechtigt und in Frieden zusammenleben können. «Aber es gibt noch sehr viel zu tun», sagt sie.

Beliebte Leiterin und Köchin

Neben ihrem Studium und ihren vielen Auslandaufenthalten nahm sich Shannon immer wieder Zeit, mich als Hilfsleiterin oder Köchin in Klassenlager zu begleiten. Ich schätzte ihre grosse Flexibilität. Eine Stunde früher Mittagessen? Kein Problem! Morgen Lunch anstatt übermorgen? Aber natürlich! In der stets mit Musik beschallten Küche war sofort zu erkennen, wo sie einkaufte: Die grünen Etiketten auf zahlreichen Produkten waren nicht zu übersehen.

Zum Glück geschah es selten, aber ab und zu kam es unter den Mädchen zu Auseinandersetzungen. Dank ihrem Motto «Kommunikation ist alles» gelang es Shannon jeweils in kurzer Zeit, die Mädels wieder zu versöhnen.

Als mich Shannon vor ein paar Jahren um ein Empfehlungsschreiben für eine Anstellung bat, schrieb ich unter anderem: «Durch ihre Fähigkeit, offen und unvoreingenommen auf andere Menschen zugehen zu können, ihre Selbstständigkeit, Teamfähigkeit und ihre Bereitschaft, sich aktiv für Projekte einzusetzen, ist Shannon für eine Vielzahl von Tätigkeiten geeignet – ich kann sie bedingungslos empfehlen.» Ein Satz, den ich auch heute wieder schreiben würde.

Zum Schluss zeigte sie mir auf dem Handy, wie man arabische Schriftzeichen eingibt: مرحبا ميخايل («Hallo Michael») und versprach mir, einen kurzen Text aufzunehmen. Sie wählte aus dem Gedicht «On This Land» des palästinischen Dichters Mahmoud Darwish die letzte Strophe: On This Land.

Wenn Sie unseren wöchentlichen Gratis-Newsletter erhalten möchten, können Sie sich gerne hier anmelden.

WIR FREUEN UNS ÜBER IHREN KOMMENTAR

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

1 × 2 =

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht