Fruchtfliegen auf dem Karussell

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Balz Spörri: «Fruchtfliegen sind nicht gerade das, was wir gemeinhin als Sympathieträger bezeichnen. Meistens sind sie uns nur lästig. Was weniger bekannt ist: Die Fruchtfliege, lateinisch Drosophila melanogaster, ist einer der am besten untersuchten Organismen überhaupt.»

Symbolfoto Karussell mit Fliegen
Symbolfoto Karussell mit Fliegen

VON BALZ SPÖRRI

Fruchtfliegen sind nicht gerade das, was wir gemeinhin als Sympathieträger bezeichnen. Meistens sind sie uns nur lästig. Was weniger bekannt ist: Die Fruchtfliege, lateinisch Drosophila melanogaster, ist einer der am besten untersuchten Organismen überhaupt.

Das hängt damit zusammen, dass sich diese Fliegenart im Labor einfach und billig züchten lässt, nur vier verschiedene Chromosomen aufweist und sich innerhalb von 9 bis 14 Tagen fortpflanzt. So wurde sie zum beliebten Versuchstier für die Genetik, also die Erforschung, wie Erbanlagen an die nächste Generation weitergegeben werden.

Ein Team um Wolf Hütteroth vom Institut für Biologie der Universität Leipzig hat jetzt eine neue Facette der Drosophila melanogaster nachweisen können: Die Fliegen spielen.

Bislang kannte man ein Spielverhalten hauptsächlich von Wirbeltieren, zum Beispiel bei Hunden, Katzen oder Schimpansen. Aber auch Krähen wurden schon dabei beobachtet, wie sie mehrmals auf einem schneebedeckten Dach herunterrutschten. Bei Insekten lag bisher fast nur anekdotische Evidenz vor.

Unter spielerischem Verhalten verstehen die Wissenschafter eine Aktivität, die keine unmittelbare Bedeutung für das Überleben hat, freiwillig, absichtlich, belohnend und frei von Stress ist.

Im Fall der Fruchtfliegen bestand das spielerische Verhalten darin, dass sie sich unter einer Glaskuppel freiwillig und gezielt auf ein kleines Karussell setzten und sich im Kreis drehen liessen. Nicht alle Fliegen taten das, aber mehrere besuchten das Karussell wiederholt und für längere Zeiträume. Drehten sich abwechselnd zwei Karusselle, wechselten einige Fliegen sogar das Karussell.

Wozu dieses passive, spielerische Bewegungsverhalten dient, wissen die Forscher noch nicht. Sie vermuten, dass es – ähnlich wie bei den Menschen – hilft, die Wahrnehmung des eigenen Körpers zu schärfen und so neuronale Schaltkreise im Gehirn zu verfeinern.

Wenige Tage nach Erscheinen dieser Studie fuhr ich in Zürich in einem der langen VBZ-Gelenkbusse. Drei kleine Knirpse standen auf der runden Plattform mit Faltenbalg über dem Gelenk und wurden bei jeder Kurve hin und her geworfen. Sie konnten sich kaum halten vor Kichern.

Vielleicht, so dachte ich, gibt es im Leben von Tieren und Menschen einfach Dinge, die «nur» Spass machen.

Hier geht es zur Studie

Balz Spörri (geb. 1959) lebt als Journalist und Autor in Zürich.

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