«Ich bin süchtig»

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25. Februar 2025 – «Kochen gehört zu meinen liebsten Beschäftigungen. Das fängt bereits bei der Suche nach neuen Rezepten an, einer Tätigkeit, der ich – zugegebenermassen – ungebührlich viel Zeit und auch ziemlich viel Geld widme. Immerhin schaut am Ende meistens etwas Feines dabei heraus.»

Kochbücher und -hefte: kein Krimi wiegt die Spannung auf (Foto: ZN)
Kochbücher und -hefte: kein Krimi wiegt die Spannung auf (Foto: ZN)

VON BARBARA LUKESCH

Ich fröne einer Sucht. Kochbücher, Kochheftli, Kochrezepte, nichts von alledem ist vor mir sicher. Koch- und Backbücher füllen ein ganzes Büchergestell in unserer Wohnung, und das, obwohl ich beim Zügeln vor zwei Jahren mehrere Müllsäcke mit alten Schwarten entsorgt habe, die ich seit langem keines Blickes mehr gewürdigt hatte. Doch auch jetzt noch lehnen sich Dutzende von Ottolenghis, Elfie Castys, Agnes Ambergs, Annemarie Wildeisens, Betty Bossis, Jamie Olivers und Tanja Grandits, alles in allem sicher 100 Stück, an die Wand im Flur, die der Küche am nächsten ist.

Es ist wie verhext. Da schwöre ich hoch und heilig, nie wieder ein Kochbuch zu kaufen, weil ich nie im Leben all diese Rezepte nachkochen kann. Doch kaum stehe ich im Laden, habe ich schon den neuesten Claudio del Principe in der Hand, blättere gedankenverloren durch die wunderschön gestalteten Seiten, merke, wie mir das Wasser im Mund zusammenläuft, möglicherweise habe ich an dem Tag noch nichts gegessen, und schon stehe ich an der Kasse und bezahle 36 Franken. Indiskutabel. Ich weiss.

Nun sind ja die Kochbücher nur die halbe Wahrheit. Gleichzeitig verliere ich jede Kontrolle, sobald ein Kochheftli in Reichweite liegt. Abonniert habe ich «Kochen» von Annemarie Wildeisen, dessen Eintreffen mir genauso viel Freude macht wie ein toller Kinobesuch. Ich vergesse alles um mich herum und versinke in den vorgeschlagenen Rezepten. Kein Krimi wiegt die Spannung auf, die mich erfüllt, wenn das neue Heft da ist.

Wegwerfen kann ich die Hefte fast nicht. Zeitweise haben sich Dutzende, ja, wahrscheinlich mehr als 100 in einem Schrank gestapelt, die ich nie mehr in die Hand genommen habe. Als wir umzogen, sprach mein Mann ein Machtwort, die Hefte müssten weg. Eingeschüchtert gab ich nach. In stundenlanger Arbeit ging ich jede einzelne Ausgabe durch und riss Rezepte heraus, die mir attraktiv erschienen. Der Zettelberg, den ich schon lange anhäufe, hat bedrohliche Ausmasse angenommen.

Was ich eben auch mache, ist, Rezepte aus dem «Tages-Anzeiger», der «Annabelle», der «Schweizer Illustrierten», der «Schweizer Familie», dem «Zeit»-Magazin und vielem mehr heraustrennen oder kopieren und auf meinen Zettelberg legen. Im Wartezimmer einer Arztpraxis kenne ich keine Gnade, wenn mich der Vorschlag für einen italienischen Obstkuchen oder ein thailändisches Curry in einem der aufliegenden Magazine überzeugt. Sobald niemand hinguckt, reisse ich die entsprechende Seite heraus oder das Heft verschwindet gleich ganz in meinem Rucksack. Sorry, ich weiss.

Zu meiner Entlastung kann ich immerhin sagen, dass ich seit einiger Zeit keine Illustrierten in Wartezimmern mehr entwende, ja, nicht einmal einzelne Blätter. Nein, ich habe umgesattelt und mache nun mit dem iPhone Fotos, wenn ich auf ein vielversprechendes Rezept stosse.

Dazu finde ich inzwischen im Internet unzählige Rezepte. Facebook hat mich längst durchschaut und präsentiert mir stündlich frische Inspirationen, von denen mich einige durchaus ansprechen. Diese drucke ich mir aus – und ab auf den Zettelberg (in seltenen Momenten denke ich, dass ich mal einen Ordner anlegen könnte, aber solche Anflüge vergehen jeweils sehr schnell).

Auf das Internet greife ich auch dann zurück, wenn sich mein Mann eine bestimmte Speise wünscht: gefüllte Peperoni oder Züri-Geschnetzeltes zum Beispiel. Dann suche ich gezielt nach entsprechenden Rezepten.

Aber es liegen natürlich Welten zwischen dieser fokussierten, im Grunde sehr eingeschränkten Suchverrichtung und dem genussvollen Mäandrieren durch ein alle Sinne ansprechendes Kochbuch, das mich in kulinarische Sphären entführt, von denen ich nicht einmal wusste, dass es sie gibt. Kurz: Der neueste Claudio del Principe wird nicht das letzte Kochbuch sein, das ich mir gekauft habe.»

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