Vom «Schandfleck» zum Bijou
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24. Februar 2025 – Am 18. Oktober 2021 sind wir mit den «ZollikerNews» online gegangen. Unseren ersten Artikel widmeten wir den maroden Häusern an der Gstadstrasse. Wir schrieben, sie würden bald aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen, was sich dann aber nicht bewahrheitete. Aus Anlass unseres Jubiläums haben wir nachgefragt.

VON RENE STAUBLI

Über Jahre hinweg bot sich Betrachtern an der Einmündung der Bahnhofstrasse in die Seestrasse ein tristes Bild. Da stand eine völlig verlotterte Häusergruppe, welche die Gemeinde vorübergehend benutzte, um Asylsuchende unterzubringen. Zwar verpflichtete sich der Besitzer 2007, die Häuser zu sanieren und dabei die Vorgaben der Denkmalpflege zu beachten. Doch es geschah – nichts. Die Häuser verfielen zusehends und wurden von manchen als «Zollikons Schandfleck am See» bezeichnet.
2010 übernahm der Zolliker Architekt Markus Moser mit einem Geschäftspartner das Grundstück und packte das Doppelhaus ein, um die Fassade eingehend untersuchen zu können. Wenig überraschend stellte sich heraus, dass die Bausubstanz über die Jahrzehnte innen und aussen massiv gelitten hatte. Zunächst rissen die beiden Unternehmer das benachbarte Haus Seestrasse Nr. 49 ab, das sie ebenfalls gekauft hatten, und erstellten auf der Parzelle einen Neubau. Dann wandten sie sich den geschützten Häusern zu.

Im Oktober 2021 äusserte sich Moser optimistisch: «Die Häuser werden, sofern alles nach Plan läuft, im nächsten Frühling enthüllt und bis im Sommer bezugsbereit sein.» Worauf wir unter dem Titel «Uralte Häuser bald in neuem Glanz» schrieben, die historisch bedeutsamen Bauten würden schon bald aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen.
Doch «Dornröschen» schlief einfach weiter. Es schlief auch noch Ende 2022, Ende 2023 und Ende 2024. Doch nun ist es erwacht, ausgerechnet in der Woche unseres Jubiläums: die Renovationsarbeiten sind soeben abgeschlossen worden, wie uns Markus Moser bei einem Gespräch mit anschliessendem Rundgang durch die Liegenschaft bestätigte. Eine Frage drängt sich allerdings auf: Warum hat das so lange gedauert?
In jedem Winkel eine Überraschung
«Wir sind vom Hundertsten ins Tausendste gekommen», sagt der Architekt. Jede Wand, jedes Geländer, jede Treppe und jeder Winkel habe Überraschungen bereit gehalten. Immer wieder seien Probleme aufgetaucht, für die man kreative Lösungen suchen musste.
Dabei setzte Moser auf ein kleines Team. Er beschäftigte lediglich drei Handwerker: einen Zimmermann aus dem Thurgau, ursprünglich gelernter Bootsbauer, der über all die Jahre den langen Arbeitsweg auf sich genommen habe; einen Gipser, der unter anderem wunderbare Stuckaturen für die Decken fertigte; und einen Maler, der das diskret-elegante Farbkonzept einer dänischen Künstlerin umsetzte.
Die hatte der Architekt engagiert, als die Diskussionen mit dem Denkmalschutz wegen der Farbgebung für die einzelnen Räume ausuferten. Im 17. Jahrhundert, als noch wohlhabende Zollikerinnen und Zolliker mit Dienstboten in den Gstad-Häusern direkt am See wohnten und es weder eine Seestrasse noch eine Bahnlinie gab, waren die Wände teils dunkelgrün gestrichen. «So hätte ich die Räume aber nie als Büros vermieten können», sagt Moser. Die Verpflichtung der auf alte Bauten spezialisierten Künstlerin sei ein Befreiungsschlag gewesen.




Im Oktober 2021 hatte Moser die Gesamtkosten für die Renovation auf rund 8 Millionen Franken geschätzt. Diesen Rahmen habe er einhalten können. Für die Finanzierung habe man auch Mieterträge der eigenen, neu erbauten Liegenschaft Seestrasse 49 verwendet.
Freude herrscht
Haben sich die jahrelangen Mühen gelohnt? Markus Moser holt ein wenig aus: In Phase 1 habe er sich über jedes neue Problem aufgeregt. In der zweiten Phase sei er oft frustriert gewesen, habe aber gewusst, dass es kein Zurück mehr gebe – «man kann solche Häuser ja nicht einfach halbfertig stehen lassen». Inzwischen sei er in der Phase 3 angelangt: «Als ‹Business case› ist das Projekt ruinös, aber ich bin versöhnt und spüre heute vor allem Freude über das gelungene Werk.»
Im Erdgeschoss hat die Firma Vesper Trade AG inzwischen einen Showroom für exklusive Einrichtungsgegenstände eröffnet. Die Suche nach Mietern für die insgesamt 952 m2 Büroflächen hat begonnen – unter dem Titel «Arbeiten an einem Ort mit Geschichte».



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